wie viele beikostreifezeichen gibt es wirklich | Nestlingszeit

Von Daniela Scholer | IBCLC | EFNB® | Neointensiv-Kinderkrankenpflegerin | Zuletzt geprüft am 18.04.2026

Für den sicheren Beikoststart reichen die 3 zentrale Beikostreifezeichen: stabile Kopf- und Rumpfmuskulatur, koordinierte Hand-Mund-Bewegungen und der verschwundene Zungenstoßreflex. Diese drei Fähigkeiten zeigen, dass dein Baby bereit ist, neue Konsistenzen sicher zu erkunden – unabhängig davon, wie viele Reifezeichen auf Social Media oder in anderen Quellen genannt werden.

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Meine Erfahrung aus der Praxis

Da ich in den letzten Jahren sehr viele Eltern beraten und begleitet durfte, kann ich dir folgenden Tipp ans Herz legen.

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Persönlicher Tipp:

Die praxisrelevante Frage lautet: Wie viele Beikostreifezeichen reichen für Eltern aus, um die Beikostreife zu erkennen – ohne sie zu verwirren? Die Erfahrung aus meiner Praxis zeigt – weniger ist oft mehr.

Daher empfehle ich die folgenden 3 Beikostreifezeichen, wobei für die Beikostreife alle 3 gleichzeitig vorhanden sein müssen.

1. Augen-Hand-Mund-Koordination

 

 

2. Stabile Kopf- und Rumpfmuskulatur

 

 

 

3. Verschwundener Zungenstoßreflex

 

 

Wie viele Beikostreifezeichen nennen die Fachgesellschaften?

wie viele beikostreifezeichen gibt es alle auf einen blick | Nestlingszeit

Vielleicht interessiert dich noch die Antwort auf die Frage warum die Anzahl der Beikostreifezeichen so stark variiert….

1. Europäisches Institut für Stillen und Laktation (EISL)

  • Augen-Hand-Mund-Koordination ist soweit entwickelt, dass das Kind selbstständig Nahrung greifen und zum Mund führen kann
  • Zunehmend stabilisierende Rumpfmuskulatur, Sitzen für die Dauer einer Mahlzeit nur noch mit leichter Unterstützung, am besten auf dem Schoß eines Erwachsenen
  • Zungenstreckreflex ist verschwunden
  • Das Kind zeigt Interesse an dem, was Eltern und Geschwister beim Essen tun

2. World Health Organization (WHO)

With respect to developmental readiness to begin consuming foods, the ability to sit without support is considered an important factor as it is associated with other aspects of physiological development, including gastrointestinal, renal, and immunological system maturation (84).

3. Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES)

  • Zunehmend bessere Kopf- und Rumpfkontrolle (EFSA, 2019)
  • Aufrecht sitzen mit minimaler Hilfe (EFSA, 2019)
  • Verschwinden frühkindlicher oraler Reaktionsmuster (z. B. Zungenstoßreflex (Extrusionsreflex)) zugunsten aktiver Nahrungsaufnahme (EFSA, 2019)
  • Mund öffnen, wenn Nahrung angeboten wird (Carruth und Skinner, 2002)
  • Reifung der Zungen- und Lippenbewegungen, laterale Zungenbewegungen werden möglich (EFSA, 2019)
  • Die Nahrung kann mit den Lippen vom Löffel abgenommen und mit der Zunge in Richtung Rachen befördert und geschluckt werden (EFSA, 2019)
  • Entwicklung der Feinmotorik (Lippen-, Zungen- und Kieferbewegungen) (EFSA, 2019)
  • Koordinierte Hand-zu-Mund-Bewegungen (Arvedson, 2006)
  • Interesse am Essen anderer (Riordan und Auerbach, 2005)
  • Durchbruch der ersten Zähne (Riordan und Auerbach, 2005).

Kurze Anmerkung: Einige der hier aufgezählten Fähigkeiten sind nicht zwangsläufig ein Zeichen für Beikostreife.

Der Zahndurchbruch zählt nicht zu den Beikostreifezeichen. Bei einigen Säuglingen kann der Durchbruch der Zähne zeitlich mit der Beikostreife zusammenfallen. Dies ist jedoch kein Hinweis für die Beikostreife, da der erst Zahn laut Studien irgendwann zwischen dem 6. und 9. Lebensmonat, in Einzelfällen sogar erst im 18. Lebensmonat durchbrechen kann.

Fact check Mythos Maerchen | Nestlingszeit

Der Durchbruch der Zähne ist übrigens ein hartnäckiger Mythos und zählt zu den 10 Mythen rund um Beikostreifezeichen.

4. Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ)

Entwicklungsneurologische Zeichen der Beikostreife sind neben dem Interesse des Säuglings für das Essen der Eltern auch die gute Kopfkontrolle, aufrechtes Sitzen zum Essen mit nur geringem Unterstützungsbedarf, Verschwinden des Zungenstoßreflexes, Reifung der oralen Funktionen sowie aktive Hand-Mund-Koordination.

Quelle bold | Nestlingszeit

Quelle: Haiden, 2023

5. La Leche League

Das Baby

  • ist etwas sechs Monate alt
  • verlangt plötzlich sehr oft nach der Brust
  • zeigt großes Interesse am Essen
  • kann nach Dingen greifen
  • kann Dinge in den Mund stecken
  • hat keinen Zungenstreckreflex mehr (schiebt Dinge nicht mehr mit der Zunge aus dem Mund)
  • kann für kurze Zeit mit Unterstützung sitzen.

6. Netzwerk Gesund ins Leben

Ihr Baby ist bereit für Brei, wenn es zum Beispiel

  • Brei nicht mehr direkt mit der Zunge aus dem Mund schiebt,
  • den Kopf halten und mit etwas Hilfe aufrecht sitzen kann,
  • sich eigenständig Dinge in den Mund stecken kann,
  • Interesse daran zeigt, was Eltern, Geschwister und andere Personen essen,
  • den Mund öffnet, wenn der Löffel kommt.

7.  Kindergesundheit-info.de (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit)

  • Es beginnt, sich zum Beispiel offensichtlich dafür zu interessieren, was andere essen,
  • es bewegt seinen Mund beim Zuschauen, oder
  • es nimmt selbstständig Lebensmittel auf und steckt sie in den Mund.

Wichtig ist, dass Ihr Kind mit Ihrer Hilfe aufrecht sitzen und den Kopf stabil halten kann.

8.  Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV (Schweiz)

  • Ihr Kind kann aufrecht sitzen und den Kopf halten.
  • Ihr Kind interessiert sich dafür, was Sie und andere essen.
  • Ihr Kind nimmt selbst Dinge in den Mund.

Falls Ihr Kind den Kopf wegdreht, das Essen ausspuckt oder eine sonstige ablehnende Reaktion zeigt, dann ist Ihr Kind wahrscheinlich noch nicht bereit für die Beikost. Warten Sie noch etwas ab und versuchen Sie es nach ein bis zwei Wochen wieder.

9. European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN)

  • Kopf- und Rumpfkontrolle (holding the head in midline when in supine position and to control its head well when pulled to sitting or at aided sitting; head and trunk control to allow an improved movement of the jaw)
  • Hand-Mund-Koordination (the ability of the infant to bring the hands to the midline)
  • Sitzen ohne Unterstützung (sitting without support)
  • Zungenstoßreflex; Fähigkeit zu saugen, kauen und zu schlucken (the extrusion reflex of the tongue; lip, tongue and jaw movements)
  • Gastrointestal- und Nierenfunktion (Gastrointestinal and renal functions)
  • Ein offensichtliches Interesse an nicht-milchlichen Lebensmitteln und am Füttern (An apparent interest in non-milk foods and feeding)

Warum variiert die Anzahl der Beikostreifezeichen?

Dafür gibt es unter anderem folgende Gründe:

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  1. Es gibt keine verbindliche Definition von „Beikostreifezeichen“
  2. Trennung oder Kombination ähnlicher Fähigkeiten
  3. Regionale und historische Traditionen
  4. Vermeidung einer Überforderung der Eltern
  5. Mythen & Fehlinterpretationen
  6. Unterschiede je nach gewählter Beikostmethode

1. Es gibt keine verbindliche Definition für den Begriff „Beikostreifezeichen”

Zwar gibt es einen Grundkonsens zu den erforderlichen Fähigkeiten, aber verschiedene Institutionen oder Fachgesellschaften zählen unterschiedlich. Einige fassen zum Beispiel Kopf- und Rumpfstabilität zu einem Beikostreifezeichen zusammen, andere zählen sie getrennt.


2. “Kern”-Beikostreifezeichen, die weiter unterteilt werden können:

Im Anschluss an den obigen Punkt – Kopf- und Rumpfmuskulatur kann als ein Beikostreifezeichen betrachtet oder in zwei Beikostreifezeichen unterteilt werden.

3. Unterschiedliche Traditionen

Klassische Ernährungspläne und Kinderärzte orientierten sich früher eher am Lebensalter (z. B. ab 5. Monat), sodass eine explizite Aufzählung weniger üblich war. In Ländern, in denen es eine starke Baby-led-Weaning-Bewegung gibt, werden andere Beikostreifezeichen genannt als in Ländern, in denen das Konzept der Löffelfütterung überwiegt.

4. Vermeidung einer Überforderung der Eltern

In manchen Ratgebern findet man bis zu 7 Reifezeichen. Dies kann für Eltern verwirrend sein und sie überfordern. Da aus wissenschaftlicher Sicht 3 Beikostreifezeichen notwendig sind, führen manche auch nur 3 Beikostreifezeichen an. Aus der Praxiserfahrung weiß ich, dass weniger oft mehr ist. Eltern tun sich oft leichter mit 3 als mit 7 Beikostreifezeichen.

5. Mythen und Fehlinterpretationen

Vermeintliche “Experten”, vor allem auf Social Media, führen häufig falsche Empfehlungen auf. So werden zum Beispiel echte Reifezeichen mit bloßen Baby-Verhaltensweisen vermischt. Leider werden auch in den Marketingunterlagen der Nahrungsmittelindustrie gelegentlich falsche Reifezeichen aufgeführt – solche, die Eltern zu einem früheren Beikoststart animieren könnten.

6. Unterschiede je nach gewählter Beikostmethode

Die Löffelfütterung und Baby-led Weaning werden zwar im gleichen Zeitfenster empfohlen. BLW ist jedoch tendenziell mit einem späteren Beikostbeginn innerhalb dieses Zeitfensters verbunden. Dies liegt daran, dass die für die Selbstfütterung notwendigen Fähigkeiten sich bei vielen Kindern später entwickeln als jene, die für die Löffelfütterung erforderlich sind.

Meine persönlichen Tipps für dich

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Was du in der Praxis wissen solltest.

In meiner IBCLC-Praxis empfehle ich:

  • Warte, bis alle 3 Kern-Reifezeichen gleichzeitig vorhanden sind.

  • Es geht nicht darum, dass dein Kind möglichst viele Fähigkeiten zeigt, sondern die 3 wesentlichen Fähigkeiten beherrscht. Jene, die die sichere Beikosteinführung und Nährstoffversorgung ermöglichen.

  • Bei den meisten Kindern treten die 3 wichtigsten Reifezeichen irgendwann zwischen der 17. und 26. Lebenswoche auf.

  • Lass dich nicht von anderen Personen (Familie, Verwandte, Freundeskreis) verunsichern – jedes Kind hat sein eigenes Tempo.

  • Zwinge dein Kind nicht zum Essen. Biete ihm immer wieder kleine Portionen an – ohne Zwang.

  • Wenn dir mehr „Reifezeichen“ Sicherheit geben, betrachte sie als Orientierung und nicht als Grundanforderung.

  • Flexibilität statt starrer Pläne.

  • Wenn dir die Situation keine Ruhe lässt, hol dir professionelle Beikost-Beratung.

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