10 mythen und missverstaendnisse ueber beikostreifezeichen | Nestlingszeit

Von Daniela Scholer | IBCLC | EFNB® | Neointensiv-Kinderkrankenpflegerin | Zuletzt geprüft am 18.04.2026

Wusstest du, dass in Deutschland 20,5 % der Babys zu früh Beikost erhalten? Sprich jedes fünfte Kind bekommt bereits vor dem empfohlenen Zeitfenster (zwischen 17. und 26. Lebenswoche) Beikost.

Irrtümer und Mythen sind einer der Hauptgründe, warum Eltern zu früh mit Beikost starten. Damit du richtig informiert bist, beschreiben wir in diesem Beitrag 10 häufige Irrtümer und Mythen rund um die Beikostreifezeichen.

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Wusstest du dass…

…einige Babys zu früh abgestillt werden, weil sie zu wenig essen – und andere, weil sie zu viel essen. Aber weshalb?

Babys, die von sich aus weniger Milch trinken, häufiger und unregelmäßiger gestillt werden oder langsamer zunehmen, werden häufig zu früh abgestillt. Warum? Weil Eltern das Gefühl haben, dass ihr Baby nicht ausreichend versorgt ist.

Männliche Babys beispielsweise werden häufiger wegen „Hunger oder Nahrungsbedarfs“ abgestillt. Warum? Weil sie mehr Milch trinken und häufiger aufwachen als Mädchen. Die Eltern glauben dann fälschlicherweise, dass Milch allein nicht mehr reicht.

Gesteigerter Hunger oder die Wahrnehmung von Hungerzeichen durch die Eltern ist laut Studien ein häufiger Faktor für den Beikoststart.

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Bereits winzige Kostproben können die Stilldauer verkürzen!

“This study investigated the impact of tiny tastings on the duration of breastfeeding. The results revealed that half of all Swedish infants taste their first solid foods during their fourth month, and that the earlier the tiny tastings were introduced, the shorter the duration of breastfeeding.

Deutsche Übersetzung:

Diese Studie untersuchte den Einfluss von winzigen Kostproben auf die Dauer des Stillens. Die Ergebnisse zeigten, dass die Hälfte aller schwedischen Säuglinge ihre ersten festen Lebensmittel bereits im vierten Lebensmonat probiert und dass gilt: Je früher diese winzigen Kostproben eingeführt wurden, desto kürzer war die Dauer des Stillens.

Weitere wichtige Infos zum Thema Beikost und Stillen findest du im Beitrag „Soll ich neben der Beikost noch stillen?

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Verbreiteter Irrglaube

In einer britischen Studie mit 10.768 Müttern gaben 26 % der Mütter an, dass das nächtliche Aufwachen ihres Babys ein Einflussfaktor für die Einführung von Beikost war.

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Es gibt viele Gründe für nächtliches Aufwachen!

Die Gründe für nächtliches Aufwachen sind vielseitig – zum Beispiel die Suche nach Geborgenheit, Schlafzyklen und REM-Schlaf, angeborene Schutzmechanismen, körperliche und kognitive Entwicklungsschritte, das Durchbrechen der Zähne, Krankheiten, Stuhldrang, oder Stress.

Der „erste Zahn“ hat es als Beikostreifezeichen sogar in die eine oder andere Fachpublikation bis hin zu offiziellen Empfehlungen geschafft. Ein Beweis dafür, wie hartnäckig Mythen sich halten.

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Ein Hauptgrund für einen verfrühten Beikoststart:

„The most common reason mothers cited for early solid food introduction was “My baby was old enough to begin eating solid foods,” which was reported by ∼90% of mothers.”

Deutsche Übersetzung:

Der häufigste Grund, den Mütter für die frühe Einführung fester Nahrung nannten, war: „Mein Baby war alt genug, um mit dem Essen fester Nahrung zu beginnen“, was von ∼90 % der Mütter berichtet wurde.

Diese Zahl stammt aus einer US-Studie, bei der Daten von 1334 Mütter ausgewertet wurden.

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Die Überzeugung, dass ein Start direkt nach dem 4. Lebensmonat wünschenswert oder sogar notwendig ist, ist leider weit verbreitet. Vielen stillenden Müttern ist jedoch nicht bewusst, dass ein früher Beikoststart die Stilldauer reduziert.

Neben dem Erreichen eines bestimmten Alters gibt es noch weitere 8 Gründe, warum Eltern zu früh mit Beikost starten.

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“Die Koppelung von Gewicht und Beikoststart geht auf die 1950er-Jahre zurück, als man glaubte, dass Babys feste Nahrung bräuchten, sobald sie ihr Geburtsgewicht verdoppelt oder ein Gewicht von fünfeinhalb Kilo überschritten hätten.”

Rapley, G. & Murkett, T. (2019). Baby-Led Weaning – das Grundlagenbuch: Der stressfreie Beikostweg. Komplett aktualisierte und erweiterte Neuausgabe. S.29-30.

Alleiniges Interesse ist ein häufiger Beweggrund für eine verfrühte Beikosteinführung.

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“The main reasons that women gave for introducing solids to their infants before 17 weeks were that their baby was […] was showing interest in solids or were in some other way indicating they were ready for solids (12%).”

Scott, J. A., Binns, C. W., Graham, K. I., & Oddy, W. H. (2009). Predictors of the early introduction of solid foods in infants: results of a cohort study. BMC pediatrics, 9, 60.

Alleiniges Interesse ist ein häufiger Beweggrund für eine verfrühte Beikosteinführung.

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“Dein Baby verlangt nach dem, was andere essen. Zunächst wird dieses Zeichen des Interesses gern als Hunger fehlinterpretiert. Noch hat dein Baby aber nicht die Erfahrung gemacht, dass diese Nahrung sättigt – sein Verlangen ist also von Neugierde, nicht von Hunger geleitet.”

Klün, K. (2024). Kompass Kinderernährung. Gesund und gut versorgt in jeder Altersstufe. Südwest, S.50.

Entscheidungen zur Säuglingsernährung werden stark von familiären und kulturellen Einflüssen bestimmt, wie eine systematische Übersichtsarbeit von 23 Studien bestätigt:

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“In this systematic review, familial and cultural influences were the basis of many infant feeding decisions. “Good mothering” as measured through cultural and societal expectations was also clearly demonstrated to have a profound effect on feeding.”

Harrison, M., Brodribb, W., & Hepworth, J. (2017). A qualitative systematic review of maternal infant feeding practices in transitioning from milk feeds to family foods. Maternal & child nutrition, 13(2), e12360,

In dieser systematischen Übersichtsarbeit bildeten familiäre und kulturelle Einflüsse die Grundlage vieler Entscheidungen zur Säuglingsernährung. Auch das Konzept der „guten mütterlichen Fürsorge“, gemessen an kulturellen und gesellschaftlichen Erwartungen, zeigte eindeutig einen tiefgreifenden Einfluss auf das Ernährungsverhalten.

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Daniela Scholer
IBCLC, EFNB

Daniela Scholer ist IBCLC Still- und Laktationsberaterin, EFNB-zertifizierte Neonatalbegleiterin und Fachreferentin beim Europäischen Institut für Stillen und Laktation (EISL).

Als diplomierte Kinderkrankenpflegerin mit Spezialisierung in der neonatologischen Intensivpflege begleitet sie seit 20 Jahren Familien – von der Neugeborenen-Intensivstation bis in den Alltag zu Hause. Ihr Ansatz ist evidenzbasiert, empathisch und nah am Leben.

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Weiterführende Literatur zu diesem Thema

  • 1

    Arden M. A. (2010). Conflicting influences on UK mothers’ decisions to introduce solid foods to their infants. Maternal & child nutrition6(2), 159–173. https://doi.org/10.1111/j.1740-8709.2009.00194.x

  • 2

    Begley, A., Ringrose, K., Giglia, R., & Scott, J. (2019). Mothers’ Understanding of Infant Feeding Guidelines and Their Associated Practices: A Qualitative Analysis. International journal of environmental research and public health16(7), 1141. https://doi.org/10.3390/ijerph16071141

  • 3

    Brown, A., & Lee, M. (2013). An exploration of experiences of mothers following a baby-led weaning style: developmental readiness for complementary foods. Maternal & child nutrition9(2), 233–243. https://doi.org/10.1111/j.1740-8709.2011.00360.x

  • 4

    Brown, A., & Rowan, H. (2016). Maternal and infant factors associated with reasons for introducing solid foods. Maternal & child nutrition12(3), 500–515. https://doi.org/10.1111/mcn.12166

  • 5

    Pearce, J., & Rundle, R. (2023). Baby-led weaning: A thematic analysis of comments made by parents using online parenting forums. Journal of human nutrition and dietetics : the official journal of the British Dietetic Association36(3), 772–786. https://doi.org/10.1111/jhn.13078

  • 6

    Thompson, K. L., Conklin, J. L., & Thoyre, S. (2023). Parental Decision-Making Around Introducing Complementary Foods: An Integrative Review. Journal of family nursing29(4), 348–367. https://doi.org/10.1177/10748407231156914

  • 7

    Walsh, A., Kearney, L., & Dennis, N. (2015). Factors influencing first-time mothers’ introduction of complementary foods: a qualitative exploration. BMC public health15, 939. https://doi.org/10.1186/s12889-015-2250-z

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